50 Jahre Filmschaffen in Sachsen
Filmemacher Ernst Hirsch feiert Berufsjubiläum
Seit einem halben Jahrhundert steht er hinter der Kamera. Eine Zeitung betitelte ihn als „Auge von Dresden“. Über den Beginn des Fernsehens und den Wandel der Aufnahmetechnik in fünfzig Jahren sprach Uwe Penckert mit Ernst Hirsch.
U. P..: Herr Hirsch, wie war die Situation in Dresden für junge Leute, die Filme machen wollten und wie sah Ihr Berufsstart vor 50 Jahren aus?
E. H.: 1953 beendete ich meine Lehre bei Zeiss Ikon. In diesem Jahr begann in der DDR das Fernsehen zu senden. Dieses filmische Neuland reizte mich und meinen Freund Herrmann Zschoche ganz außerordentlich. Kurz entschlossen fuhren wir beide nach Berlin und bewarben uns mit dem Vorschlag, einen Film über Schloß und Park Pillnitz zu drehen. Die Fernehredakteure damals kamen fast alle vom Rundfunk und man sagte uns: „Probiert das doch mal. Hier habt ihr 3000 Meter Film, fangt an!“

Ernst Hirsch und Hermann Zschoche 2006 mit der EYEMO-35mm-Kamera, mit der sie 1953 ihren ersten Film drehten.
Foto: Konrad Hirsch
Ganz so hatten wir uns das zwar nicht vorgestellt, aber wenn man zwischen 17 und 18 Jahre alt ist, kennt man keine Hürden. Wir machten den Film und Hans-Hendrick Wehding schrieb die Musik dafür. Und wir kamen damit an! Der Start war gemacht und das mit einer technischen Ausrüstung, die alles andere als vollkommen genannt werden konnte.
U.P: Mit welcher Technik haben Sie angefangen und wie hat sich das weiter entwickelt?
E. H.: Vor dem Pillnitz-Film hatte ich schon mit 1951 mit einer AGFA Movex, Baujahr 1928 für 12 m 16 mm Film gedreht. Im Laienfilmstudio des Kulturbundes benutzten wir 1952 eine 16 mm MOVIKON von Zeiss Ikon. Damals entstand der Kinderfilm „PUTTI“, den ich selbst entwickelte und kopierte. Während meiner Lehrzeit bei Zeiss Ikon wurde dort die 16 mm Spiegelreflexkamera „AK 16“ entwickelt und gebaut. Ich durfte mit den Versuchskameras drehen. Den Film „Barock im
Wiederaufbau“ über den Zwinger habe ich noch heute in meinem Archiv. Den erwähnten Pillnitz-Film drehten wir fürs Fernsehen auf 35 mm mit einer EYEMO von Bell & Howell mit Federwerk und 30 m Spulen, gebaut 1926 in Chicago. Diese Kamera hatten wir für das Laienfilmstudio von der Polizei erhalten, um damit Aufnahmen von Fußballspielen des Sportclubs DYNAMO zu machen. Wer weiß, wie sie nach Dresden gekommen war. Die Kamera musste dann zurückgegeben werden und ich kaufte mir die erste eigene Kamera: AK 16 von Zeiss Ikon zum Preis von 5.049,80 DDR-Mark mit Stativ und 3 Objektiven. Zu dieser Zeit konnten vom Fernsehen noch keine 16 mm Film abgetastet werden. So konstruierte und baute ich eine einfache Umkopiermaschine von 16 mm auf 35 mm Film. Auf diese Weise entstand der Film im Spielzeugmuseum Sonneberg. Herrmann Zschoche beschreibt dies in seinem Buch „Sieben Sommersprossen und andere Erinnerungen“ auf Seite 26.
Dann verkaufte mir der Kameramann Herbert Eckert (später Chefkameramann für Film beim DDR-Fernsehen) etwa 1954 eine 35 mm Kamera Modell „Debrie Parvo“ im Holzgehäuse für 500,-- Mark. Mit der Kamera konnte man jedoch nicht mehr drehen. Die Firma Hermann Schneider in Hellerau war die einzige Firma in der DDR, die damals noch 35 mm Filmkameras baute. Hermann Schneider war früher bei Ernemann gewesen und hatte die Lizenzen für den 35 mm Kamerabau. Nun übernahm er den Umbau der alten Debrie, versah die Kamera mit einem Metallgehäuse und neuem Blendenkasten für die Umlaufblende und die Objektivaufnahme, Schärfeneinstellung und Kompendium. Elektromotor und neue Kassetten für 120 m Film und ein schweres Stativ kamen dazu. So hatte ich eine neue “Schneider-Kamera“ Der Umbau kostete damals 3.500,00 Mark – sehr viel Geld in dieser Zeit. Meine Mutter sagte: „Junge, Du verschuldest Dich für Dein ganzes Leben – Du ruinierst Dich usw.“ - wie besorgte Mütter eben so reden. Da die Beiträge für das Fernsehen ganz gut bezahlt wurden, hatte ich bald keine Schulden mehr. Nun hatte ich eine wunderbare 35 mm Ausrüstung und konnte für das Fernsehen richtig loslegen. Die Ausrüstung war sehr schwer, Stativ und Akku kamen hinzu. Die Kamera hatte nur Filmdurchsicht und es war nicht leicht, aktuelle Beiträge damit zu drehen.
U.P.: Wäre es nicht praktischer gewesen, die aktuellen Filmberichte auf 16 mm zu drehen?
E.H.: Richtig. Das Fernsehen erhielt dann bald auch 16 mm Filmabtaster und es war möglich, mit der leichteren AK 16 zu arbeiten.
Nach meiner festen Anstellung als Kameramann beim Fernsehen am 01.08.1958 drehte ich noch eine ganze Zeit mit der AK 16 weiter. Dann bekamen wir eine 16 mm ARRI ST. Die Kamera hatte aufsetzbare 120 m Kassetten und war leichter und zuverlässiger als die AK 16. Bald kam ein Tonaufnahmegerät aus der DDR Produktion dazu und wir konnten mit dem sogenannten Pilottonverfahren nun lippensynchrone Tonaufnahmen machen. Die Laufgeräusche der Kamera dämpften wir, indem eine Decke über die Kamera gelegt wurde. Bei Interviews waren die 120-Meter Kassetten oft zu kurz und wir drehten „amerikanisch“ weiter.
U.P.: Moment mal, was heißt den das?
E.H.: Der Film war zu Ende und die Kamera lief leer weiter, während der Interviewpartner noch eifrig von Planerfüllung oder Parteitagsbeschlüssen sprach.
U.P.: Aber es gab noch andere Themen?
E.H.: Natürlich berichteten wir auch über Kultur, Sport u.s.w. – aber die Themen wurden immer politischer und ich kündigte deshalb 1968 aus beim Fernsehen und wechselte aus einer gut bezahlten, sicheren Festanstellung in die freiberufliche Unsicherheit. Natürlich musste ich auch die ARRI 16 abgegeben, die dem Fernsehen gehörte.
U.P.: Welche beruflichen Möglichkeiten gab es damals für einen freien Kameramann überhaupt?
E.H.: 1968 begann das Fernsehen mit farbigen Versuchssendungen und es wurden Filme gebraucht – in Farbe. Diese Filme mussten jedoch auf 35 mm gedreht werden. Die Schneider-Kamera mit Filmdurchsicht war natürlich dafür nicht zu gebrauchen. Eine Spiegelreflexkamera musste her. Es war in der DDR unmöglich, eine 35 mm ARRI zu beschaffen – privat schon gar nicht. So halfen die Verwandten im Westen, eine gebrauchte ARRI wurde dort gekauft und nach meinen Anweisungen auseinandergenommen. Die Einzelteile kamen per Post und ich baute sie wieder zusammen. Grundlagen für feinmechanisch-optische Tätigkeiten hatte ich ja durch meine Ausbildung bei Zeiss Ikon bekommen. Während der gesamten freien Tätigkeit drehte ich mit dieser absolut zuverlässigen „alten“ ARRI. Die Kamera hat mich nie enttäuscht und funktioniert noch heute. Der Bildstand war ausreichend gut, in der Bildwerkstatt des DEFA-Spielfilmstudios wurde sie gewartet.
U.P.: Haben Sie noch mit anderen Kameras gearbeitet?
E. H.: Meist mit dieser ARRI und Beiträge für die Sendereihe „Ansichtskarte“ mit einer 16 mm ARRI oder einer japanischen CANON Scopic, die ich mir später noch besorgte. Da ich immer schon Interesse für die Filmtechnik hatte, sammelte ich noch alle möglichen Kameras und technischen Geräte. Eine russische 35 mm Kamera „KONVAS“ kam hinzu. Die Kamera hatte sehr gute Objektive und neben dem Elektromotor auch noch ein Federwerk und eine Handkurbel, war also auch zu verwenden, wenn der Akku leer war oder die Kamera wegen zu niedriger Temperaturen nur noch mit Handkurbel bewegt werden konnte.
U.P.: Also war es in der DDR gar nicht so schwierig, professionelle Filmtechnik zu bekommen?
E.H.: Die Beschaffung von Objektiven waren immer ein Problem, besonders von kurzen oder sehr langen Brennweiten. Zeiss-Fotobejektive konnten mit besonderen Adaptern durch geschickte Mechaniker, wie Herrn Steinigen vom DEFA-Trickfilm-Studio, angepasst werden. Obwohl das erste Objektiv mit veränderlicher Brennweite (sogen. Gummilinse oder ZOOM ) unter der Bezeichnung PENTOVAR in Dresden gerechnet und gebaut wurde, war die Beschaffung nur für die AK 16 möglich. Für die Konvas gab es aber ein russisches Zoom-Objektiv.
U.P.: Drehen Sie noch heute auf Film?
E.H.: In meiner Münchner Zeit als Kameramann für Peter Schamoni drehte ich noch mit meiner alten ARRI auf 35 mm. Bei unserem bisher letzten 35 mm Film „Majestät brauchen Sonne“ kamen aus dem Leihpark von ARRI München dann ganz moderne Filmkameras zum Einsatz. Doch leider kommt es immer seltener vor, das die Möglichkeit besteht, auf Film zu drehen und ich habe mich auch mit der neuesten Video-Aufnahmetechnik beschäftigt. Anfang der 90iger Jahre begann ich den Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden mit einem eigenen BETA-SP-Equipment zu dokumentieren. Sehr gute Erfahrungen habe ich mit Sony-Kameras und dem Format DVCAM gemacht. Meist drehe ich mit dem Modell DXC-D30P oder mit der sehr praktischen und qualitativ überzeugenden DSR-PD 150. Seit einiger Zeit gehört ein ABC-Leichtkran (6 m Ausleger) zu meiner Ausrüstung. Was damit ganz einfach ist, eine ganz andere Bilddynamik als beim Dreh vom Stativ zu erreichen, war zu Beginn meiner Laufbahn nur großen Studios möglich. Auch die Empfindlichkeit der heutigen Kameras macht das Arbeiten zu einem Vergnügen.
U.P.: Haben Sie auch eigene Erfahrungen mit dem digitalen Filmschnitt gesammelt?
E.H.: Ich habe gelernt, was für wunderbare Möglichkeiten es beim Schnitt am Computer heute gibt. Früher, am Filmschneidetisch, habe ich meine Filme oft selbst montiert. Den Umgang mit dem digitalen Schnitt aber werde ich nicht mehr packen. Aber wir haben diese technische Ausrüstung auch in unserem Studio und mein Sohn Konrad hat unter anderem auch diese Aufgabe übernommen. Und – last but not least – möchte ich noch meine Frau Cornelia erwähnen und ihr danken. Seit 1965 hat sie alle Projekte als Mitarbeiterin begleitet und großen Anteil daran, dass ich heute auf 50 Jahre Filmarbeit zurückblicken kann.
U.P.: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Schaffenskraft!