Ernst Hirsch – das „Auge von Dresden“
Dokumentarist und Chronist bewegter und unbewegter

Ernst Hirsch bei Dreharbeiten, 1955
Foto: Dirk Radig
»Um ein Motiv zu finden, muss man zuerst einmal sehen können. Nicht nur physisch, sondern auch im Sinne von erkennen.
Blickt doch mal hier auf den bizarren Baum«, sagt Richard Peter beim nächtlichen Rundgang mit jungen Fotoamateuren auf
der Bürgerwiese, und dahinter die Rathaussilhouette, ist das nicht ein Motiv? - Ernst Hirsch, Anfang der 50er Jahre
Feinoptiker- und Feinmechaniker-
lehrling bei Zeiss Ikon auf der Schandauer Straße, bewundert den bekannten Dresdner
Fotografen, bringt auch Walter Hahn und seinem Werk großen Respekt entgegen. Aber noch mehr reizt ihn das bewegte Bild.
Was haben sie für Spaß mit den 16 mm-Filmen gehabt, die die Mutter vom Familienleben drehte.
In einem Jugendfilmstudio vom Kulturbund darf er nun selber die Kamera in die Hand nehmen und sich ein Thema wählen. Er entscheidet sich für den Wiederaufbau des Zwingers und fühlt, dass er da unbedingt »dranbleiben« wird.
Der Drang zum Dokumentieren führt ihn auch zur Sophienkirche, als diese gerade abgerissen wird; später bezeichnet man das dann als Kulturschande. Prompt kommt da auch gleich einer und verlangt, dass er den Film aus der Kamera zieht und abgibt. Glücklicherweise sieht der Wächter nicht, wie der jungen Mann mit einem neuen Film schon wieder auf dem Abrissgelände herumturnt.
Nicht mit jeder Bevormundung wird er so einfach fertig. Nachdem 1953 das Fernsehen der DDR gegründet worden ist, filmt Ernst Hirsch von Berufs wegen. Über 3000 Filmbeiträge entstehen für die Aktuelle Kamera und natürlich vieles fürs eigene Archiv: Rückkehr der Dresdner Kunstschätze, Wiederaufbau der Sempergalerie, Sicherungsarbeiten an der Ruine d es Opernhauses oder der Frauenkirche. Als im Fernsehen zunehmend Beiträge mit politischer Aussage gefordert werden, macht sich Hirsch selbständig. Man schreibt das Jahr 1968. Da liefert er schon solch eine Qualität, dass er sich freischaffendes Arbeiten auch leisten kann. Silbermann-Orgeln in Sachsen, Canaletto-Bilder in der Galerie, Beiträge für Reihen wie »Ansichtskarte«.

Ernst Hirsch mit der Kamera "AK16", 1959
Foto: Helmut Körner Seine Filme sind wie er selbst. Er gehört zu den Stillen, die kein Getöse um sich machen, aber zuverlässig und beharrlich zur Stelle sind und sich auch nicht wegdrängen lassen, wenn etwas mit der Kamera zu dokumentieren ist. Das tut Ernst Hirsch mit Respekt vor dem Wirken der Väter und Vorväter, deren Erbe in Gestalt von Architektur es zu bewahren und nach dem Krieg oder Verfall wieder aufzubauen gilt. Seine Filme kommen nicht mit modernistischer Hektik, sondern in ruhigem Fluss daher. Ihre Sprache ist kultiviert. Sie vermitteln durch ihr Sujet, aber auch durch ihren Charakter ästhetischen Genuss.
Irgendwann beginnt er, Filme über Dresden zu sammeln, genauer gesagt: gefilmtes der verschiedensten Art, von Amateuren wie dem Oberingenieur Kurt Moser, der im März 1945 die zerstörte Stadt aufnahm. Und er erwirbt die Lehrfilme von der Straßenbahn aus den 20er und 30er Jahren, die heute so wertvollen Dokumente vom alten Dresden. Die frühesten bewegten Filmbilder der Stadt von 1903 findet er durch Zufall vor nicht langer Zeit auf einer Bergtour in Südtirol auf dem Dachboden eines Bauernhauses. Wenn Hirsch Filmvorträge hält und die Schätze aus seiner Sammlung auf der Leinwand erscheinen ist das Echo stets groß. Für interessierte Dresdner und Cineasten hat er Filme aus seinem Fundus restauriert, kommentiert und auf DVD veröffentlicht.

Cornelia und Ernst Hirsch
am Körnergarten, 1981
Foto: Matz GriebelDie ihn etwas kennen, wissen, welch schweren Herzens er 1986 den Ausreiseantrag stellte. Zu eng war ihm die DDR geworden, zu schnell ging es bergab. Unerträglich war es für den Mann, der von Berufs wegen intensiver sehen muss als andere, dem fortschreitenden Verfall tatenlos zusehen zu müssen und sich immer wieder an den Dingen zu stoßen. Nach drei Jahren schließlich erhielt er mit Frau und Sohn die Genehmigung und verließ - Ironie der Geschichte - am 3. Oktober 1989 sein schönes Haus am Elbhang.
Es folgte eine anstrengende, aber fruchtbare Zeit, die weder er noch seine Frau, die ihm bei vielen Arbeiten als Assistentin zur Seite steht, missen möchten. Für Peter Schamoni in München stand er in den letzten zehn Jahren immer wieder hinter der Kamera, ob bei den abendfüllenden Künstlerporträts über Max Ernst oder Niki de Saint Phalle oder wie bei dem letztes Jahr in die Kinos gekommenen Dokumentarfilm über Kaiser Wilhelm II. Noch wichtiger ist ihm der Gewinn an Lebenserfahrung nach der Ausreise: sich trennen können und etwas Neues versuchen. Die Ferne hat ihm auch bewusst gemacht, was ihm Dresden bedeutet. Seit 1994 ist er wieder mittendrin. Die Dokumentation des Wiederaufbaus der Frauenkirche zählte bis zu deren Weihe 2005 zu seinen wichtigsten und liebsten Aufgaben. Sieben Videofolgen hat Hirsch aus dem auf über fünfhundert Stunden angewachsenen Frauenkirchen-Material veröffentlicht.
Die Freiheit der offenen Grenzen nutzt Hirsch, um langgehegte Film-Träume zu erfüllen - ob gemeinsam mit Kunsthistoriker Neidhardt auf den Spuren von Ludwig Richter in Italien oder auf Goethes Pfaden in der Schweiz. Auch diese neueren Filme charakterisieren die behutsame Annäherung, das liebevolle, oft lyrische Herausarbeiten von Details. Doch Kabinettstücke der stilleren Art, wie Hirsch sie komponiert, haben es schwer in Zeiten der Bildüberflutung auf den Mattscheiben.
Eva-Ursula Petereit